Im Haus der Hexe - Quality Magazine
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Im Haus der Hexe

Von Sebastian Riemann | Fotocredits: Laura Cohen

In der kolumbianischen Karibik liegt Santa Marta – eine Stadt voller Idylle und Magie. An der Strandpromenade wird zwischen Palmen flaniert und hinter verschlossenen Türen wird vielerorts das Handwerk der Hexerei betrieben. Die Bewohner kennen das Thema aus vielen Erzählungen und aus persönlicher Erfahrung, denn die meisten haben schon einmal eine Hexe um Hilfe gebeten. Sie wissen, wie nützlich und zugleich gefährlich die Verbindung zu diesen Personen sein kann.

Während Sebastian Riemann Notizblock und Stift zückte, war Laura Cohen hinter der Kamera tätig und hat die Geschichte der magischen Welt der Karibik in dokumentarischen sowie eindrucksvollen Bildern festgehalten. Die bunten Fotografien bringen uns nicht nur die Welt der Brujas ein Stück näher, sondern auch die südamerikanische Heimat von Laura Cohen. In Mexiko fotografierte sie unter anderem Editorials für L’Oréal Professionnel, Fotostrecken der Villa Arabesque in Acapulco sowie lokale Institutionen und Einwohner.

Valentina läuft Schweiß über die Stirn, sie fährt sich mit der Hand über das Gesicht und durch die Haare. Die Sonne steht hoch am wolkenlosen Himmel, Schatten ist schwer zu finden und die Straßen sind leer. Jedermann in Santa Marta versteckt sich vor der Hitze. Aber Valentina schwitzt nicht nur wegen der Mittagssonne. Sie ist nervös. Mit den Fingern betastet sie das kleine, silberne Kreuz, das sie an einer dünnen Kette um den Hals trägt. Sie dreht und wendet es. Ihr Blick gleitet über das dunkle Haus, das vor uns steht. „Los geht’s“, sage ich und klopfe an die Tür.

Valentina rührt sich nicht. Eine Frau mit lockigen Haaren und wachen Augen tritt uns entgegen. Sie schaut zu Valentina und weiß augenblicklich, warum wir gekommen sind. Ohne ein Wort zu verlieren, weist sie uns den Weg in ihr Haus. Wir folgen ihr und durchschreiten mehrere dunkle Zimmer, die angenehm kühl sind. Ein alter Mann liegt auf einem Sofa und schaut gelangweilt auf einen kleinen Fernseher. Als wir an ihm vorbeigehen, gibt er sich Mühe, nicht zu uns aufzuschauen. Dann gelangen wir in den Innenhof des Hauses und setzen uns auf weiße Plastikstühle, die dort bereitstehen. Ein paar Hühner springen auf und laufen umher, da wir sie aufschrecken. Valentina schwitzt immer stärker und ich schaue mich begeistert nach allen Seiten um. Endlich kann ich einer Bruja – einer Hexe und Heilerin bei der Arbeit zusehen. Ich ziehe meinen Notizblock hervor.

Ein Hund bellt in der Ferne, Salsa Musik erklingt aus einem Nachbarhaus. Unbewegt und still ragen die Palmen in den blauen Himmel. Die Bruja stellt sich als Gilma vor und fragt nach Valentinas Anliegen. Die Zukunft wahrsagen. Und ihren Mann bekehren. Er soll sie nicht verlassen. Gilma nickt und nimmt einen Tabaco – eine einfache, grobe Zigarre – in die Hand. Sie bespricht den Tabaco mit einem geheimen Gebet, das wir nicht verstehen, bekreuzigt sich dreimal und entzündet ihn mit drei Streichhölzern. Rauch hüllt sie ein und verdeckt ihr Gesicht. Das Ritual beginnt.

Hier eine Salbe, da ein Öl oder Kraut und notfalls auch der Dampf einer Zigarre, in Südamerikas Kulturen kann der tief verwurzelte glaube an Spiritualität Berge versetzen.

In den letzten Wochen habe ich mit vielen Leuten über Hexen und Heilerinnen gesprochen, habe mir Geschichten angehört und Fragen gestellt. Ich habe immer wieder um Telefonnummern und Adressen gebeten, da ich mehr wollte. Es war mein Ziel, selbst dabei zu sein. Mit eignen Augen ein Ritual zu sehen. Aber die Brujas haben mir regelmäßig die Tür vor der Nase zugeschlagen, haben mich weggeschickt und gebeten, nicht wiederzukommen. Sie sagten, sie seien keine Brujas und ich solle an anderer Stelle suchen. Erst vorgestern habe ich erfahren, was dahintersteckt. Sie haben mich weggeschickt, da sie sich vor mir fürchten. Haben mich für einen Hexer gehalten, der ihnen Schaden zufügen will. Mein ethnologisches Interesse am Thema der Brujas haben sie mir nicht abgekauft, haben mich für einen Eindringling und Angreifer gehalten. Deshalb die verschlossenen Türen und die entschiedenen Verneinungen. Valentina – meine Eintrittskarte zu diesem Ritual – schaut gebannt auf den Tabaco. Er brennt schnell und bildet dunkle Asche, die leicht herabfällt. Zwei schlechte Zeichen: verschlingende Leidenschaft und Unglück. Die Bruja erklärt Valentina, dass ihr Mann eine Geliebte hat. Er wird sie verlassen, wenn sie nicht handelt. Valentina schreckt zusammen, hält sich die Hände vors Gesicht. Ihre schlimmsten Befürchtungen werden bestätigt. „Kannst du ihn dazu bringen, bei mir zu bleiben? Ist das möglich?“, fragt Valentina mit roten Augen. Gilma grinst. Natürlich sei das möglich.

Auch Hexen benötigen besondere Ausstattungen: am besten zu finden auf lateinamerikanischen Märkten für Hexen, Magier und spirituell Angehauchte.

Die Zigarre wird auf den Boden geworfen und ausgetreten. Eine neue kommt zum Vorschein. Auch sie wird mit einem leise gesprochenen Gebet versehen und mit drei Streichhölzern entzündet. Sie soll Valentinas Ehemann von seiner Leidenschaft für die Geliebte abbringen. Soll die verschlingende Leidenschaft umleiten. Die Bruja zieht ein kleines, ringförmiges Amulett hervor und bläst Rauch darüber. Valentina solle das Amulett heute Abend tragen und ihren Mann verführen. Er wird sie lieben wie früher und die Geliebte vergessen. Ein Liebeszauber.

Auf der Mauer des Innenhofes erscheint eine lange, grüne Eidechse und schaut misstrauisch zu mir hinüber. Sie würde gern wissen, was ich in meinen Notizblock schreibe. Wieder bellt ein Hund in der Nachbarschaft. Ich schreibe so schnell ich kann, versuche jedes Detail des Rituals und jede Regung der beiden Frauen festzuhalten. Manchmal beuge ich mich vor, um besser hören zu können. Die beiden sprechen leise miteinander. Als wäre ihre Unterhaltung ein Geheimnis, notiere ich in meinem Block. Und bemerke sogleich, dass ich mich irre. Es ist in der Tat ein Geheimnis. Denn eigentlich sollte ich nicht dabei sein und die Behandlung von Valentinas Privatleben miterleben. Eigentlich sitzen Bruja und Klientin allein im Patio und müssen sich nicht um ein ethnologisches Interesse mit Stift und Papier kümmern.

Ich mache Notizen zu Valentinas Nervosität und Gilmas Fähigkeit, Ruhe und Sicherheit zu erzeugen. Sie spricht sehr kontrolliert und bestimmt. Ohne Zweifel gibt sie wieder, was sie im Tabaco sieht. Valentina ist erschüttert, weil ihr Mann sie betrügt, aber dankbar für die Hilfe der Bruja. Es gleiche einer Psychotherapie und könnte mit anderen Symbolen wohl auch bei uns funktionieren, vermerke ich in meinem Notizblock und unterstreiche den Satz.

Gilma verschwindet für einen Moment und kommt mit drei kleinen Figuren wieder. Es sind Büsten der „tres potencias“ aus Venezuela. Drei karibische Geister mit viel Energie: die Königin Maria Lionza, der große Häuptling Guaicaipuro und der mächtige afrikanische Anführer Felipe. Gilma bietet an, die Geister um Hilfe zu bitten und in die Angelegenheiten von Valentina einzuweihen. Aber Valentina schüttelt energisch den Kopf. Sie hat Angst vor diesen Geistern, die sehr mächtig sein sollen. Sie hat bereits von ihnen gehört. Es sei schwer sie zu kontrollieren, wenn sie einmal beschworen wurden.

Am Ende zerreibt Gilma eine Handvoll Kräuter und streut sie über Valentinas Kopf. Eine kleine Reinigung und Schutzmaßnahme. Dann kommt die Bruja zu mir und nennt den Preis für das Ritual. Doppelter Preis. Ich bin überrascht, will ihr aber nicht widersprechen. Außerdem bin ich ihr sehr dankbar. Sie hat Valentina und mir geholfen.

Als wir wieder auf der Straße stehen, sind wir beide durchgeschwitzt. Valentina ist beeindruckt von den Kräften der Bruja und schaut auf das kleine Amulett. Ich werde noch den restlichen Tag brauchen, um meine Notizen zu vervollständigen. Ein Kolibri fliegt an uns vorbei und über das Haus der Bruja hinweg.

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