Bekenntnisse aus dem WWW - Culture
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Bekenntnisse aus dem WWW

Eigentlich sollte man denken, dass Sebastian Schultheiß viele Feinde hat. Aber im Gegenteil: Immer mehr Menschen vertrauen ihm ihre verborgensten Gedanken an. Freiwillig, trotz wachsender Angst um die Privatsphäre und vor Datenklau. Die Bedingung: Anonymität.

Verschmähte Liebe, Rachegelüste oder menschliche Abgründe – die Geheimnisse Tausender Menschen lagern in sechs Kisten in einem Wohnzimmer in Deutschland. Aufgeschrieben auf Postkarten, sorgfältig sortiert in sechs Kisten. Sie sind das Herzstück von „Post Secret“ (Secret = engl. Geheimnis).

Der Macher dieses Kunstprojekts ist der Tübinger Blogger Sebastian Schultheiß. Das Konzept ist simpel: Man gestalte eine Postkarte und schreibe ein Geheimnis drauf. „Es muss wahr sein und man soll es noch niemandem erzählt haben“, erläutert Schultheiß. Jeden Sonntag stellt er die Postkarten für jeden sichtbar ins Internet. Anonym, ohne Kommentar. Und hier werden sie gelesen, bis jetzt über 1,8 Millionen mal.

„Für die Einsender geht es vor allem darum, etwas los zu werden, etwas mitzuteilen“, erläutert Sebastian Schultheiß, der im Hauptberuf Bioinformatiker ist. Bei seinem Projekt „Post Secret“ verspricht er den Absendern komplette Anonymität: „Postkarten sind wahrscheinlich das letzte anonyme Medium.“ Auf zwei Dinge sollten Absender allerdings aufpassen: Keine Fingerabdrücke auf den Karten zu hinterlassen und die eigene Schrift zu verstellen.

Die Idee hinter diesem einmaligen Projekt stammt aus den USA von Frank Warren: Auch sein Projekt heißt „Post Secret“. Einige Postkarten sind sorgfältig gestaltet, in bunten Farben oder aufwändig mit viel Mühe beklebt. Auf anderen Postkarten stehen die Geheimnisse in schnörkellosen Buchstaben. Hauptsächlich geht es um die Liebe, meistens um die unerwiderte „oder um Gefühle, die man jemandem nicht sagen kann“ erzählt der Blogger, “aber auch um Sachen, die einen bedrücken. Sachen, die man sich schwer eingestehen kann.“ Richtig dunkle Geheimnisse landen aber kaum bei dem 30-Jährigen: „Es gibt wenige echte Verbrechen, keine Geständnisse, die für die Polizei interessant wären.“

Ob auf allen Karten die Wahrheit steht, kann man natürlich nicht überprüfen. „Viele davon hören sich aber wahr an“, findet  Schultheiß. Die Postkarten geben jedenfalls viele Denkanstöße. Lesen kann man sie jetzt auch in einem Buch. Übrigens: Sebastian Schultheiß sagt, er habe noch keine Karte geschrieben.

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